Geschichten aus Dortmund

Menschen aus Dortmund

Nach Feierabend durch die gutbestückte Gemüseabteilung des Supermarktes stöbern und sich für das Abendbrot inspirieren lassen. Über den Wochenendmarkt schlendern und sich gar nicht entscheiden können, weil das Angebot so vielfältig ist. Aber was passiert eigentlich mit den Produkten, die am Ende des Tages liegen bleiben? Wir haben mit zwei Dortmunder Foodsharern gesprochen, Marleen und Sarah, die gegen die Verschwendung von Lebensmitteln etwas tun.

 

 

Riesige Berge knackiger Äpfel, pickepacke volle Brotregale beim Bäcker oder Auslagen gefüllt mit zig Gemüsesorten, anstelle eines kleinen überschaubaren Angebots. So schaut es in vielerorts aus. Allmählich ändert sich das Bewusstsein unserer Gesellschaft aber, wir schätzen wieder kleine Manufakturen mit wenigen, dafür aber guten Produkten. Nicht die Masse, sondern die Qualität zählt. Wir schätzen Hersteller und Händler, die viel Herz in ihre Produkte stecken, denn das schmeckt man, egal ob das Kaffeeröstungen in kleineren Batches, Eier aus besonders artgerechter Haltung oder Bio Produkte im Supermarkt sind. Aber selbst in Bio-Supermärkten mit kleineren Auslagen, bleibt am Ende des Tages vieles übrig, das nach unseren Standards am nächsten Tag nicht mehr verkäuflich ist und im Müll landet.

„Das ist doch einfach schade, denn das sind oft noch so tolle Produkte“, erklären uns Marleen und Sarah. Beide gehören zu der Foodsharing Dortmund-Gemeinschaft und retten Lebensmittel. Foodsharing gibt beispielsweise Händlern und Bauernhöfen die Möglichkeit, überschüssige Lebensmittel kostenlos von Lebensmittel-Rettern abholen zu lassen.

 

Gehört haben wir schon davon und auch auf dem Wochenmarkt konnten wir Markthändler beobachten, die schwer bepackten Gruppen freudig kistenweise rote Beete, Gurken oder Spargel überreicht haben. „Ja, das stimmt, viele Händler freuen sich am Ende des Markttages uns die vermeintlich alten Produkte geben zu können. Die Freude lässt sich vielleicht einerseits so erklären, dass sie natürlich ihre eigenen Produkte schätzen und es selbst schade finden, dass diese sonst in der Tonne landen. Andererseits ersparen wir ihnen durch die Abholung natürlich auch die Entsorgungskosten. Solange jeder davon profitiert, ist es doch nur fair.“

 

Wir wollen mehr wissen. Wie sind die Foodsharer organisiert? Wer macht mit und kann man sich einfach anmelden? „Wir sind ein bunter Haufen, kommen aus den unterschiedlichsten Berufs- und Altersgruppen. Studenten, Ärzte, Lehrer, aber auch Rentner. Vor zwei Jahren waren es in Dortmund noch rund 100 Abholer, inzwischen sind es um die 350 und das Interesse steigt“, freut sich Marleen. Die Lehramtsstudentin ist Betriebsverantwortliche für den Hansa-Markt, denn die Foodsharer sind gut organisiert. Für alle teilnehmenden Märkte und Supermärkte gibt es Verantwortliche, die die Abholung strukturieren und organisieren. „Oft stehen für uns wirklich so viele Lebensmittel bereit, dass die niemand allein in zwei oder drei Beuteln und einem Rucksack abtransportieren könnte. Grade am Hansa Markt  schauen wir, dass immer ein Autobesitzer unter den Abholern ist“, erklärt Marleen. „Es ist schon Wahnsinn welche Menge wir oft abholen können“, ergänzt Sarah. „Auch wenn wir zu viert oder zu fünft sind und jeder die eigene Kiste voller Obst, Gemüse und Brot packt, bleibt noch reichlich übrig.“ Das bringt der Autobesitzer dann zu einem der acht Verteilerschränke, die in Dortmund für jedermann zugänglich sind. Die sind schon klasse, grad für Menschen, deren Budget vielleicht etwas kleiner ist. Klasse für alle, die sonntags kochen wollen, aber vor leeren Kühlschränken stehen. Klasse sind die übrigens auch „umgekehrt“: Du hast noch einen vollen Kühlschrank, fährst aber spontan für ein paar Tage weg – da wär’s doch schade, Du haust alles in die Tonne – ab damit in den Verteilerschrank. Alle Infos auch zur Anmeldung findest Du hier: foodsharing.de

 

Saisonale und regionale Lebensmittel, Lebensmittelverbrauch und -verschwendung, die Produktion und auch der Stellenwert von Lebensmitteln in unserer Gesellschaft – es ist ein komplexes Thema, bei dem es viele Faktoren zu bedenken gibt und manchmal scheint es kompliziert Stellung zu beziehen. Aber darum geht es den Foodsharern gar nicht. Sie sind eine motivierte Gruppe, die der Wegwerfmentalität positiv und freundlich entgegen geht. Sarah, Lehrerin an einer Dortmunder Schule, ist seit einem Jahr dabei, kauft aber schon seit einigen Jahren viele Produkte unmittelbar aus der Region, direkt im Hofladen ihres Vertrauens oder bestellt bei der AboKiste. Ein bis zwei Mal die Woche meldet sie sich als Abholerin, „das kann ich unkompliziert nach Schulschluss oder am Wochenende einschieben“. 1-2 Stunden dauert es schon: aholen, sortieren, verteilen und vielleicht noch schnell zur Verteilerkiste. Zuhause werden dann manchmal für Freunde und Familie noch kleine Pakete zusammengestellt, „und dann muss ich schauen, wie schnell ich was verwenden muss oder ob ich vielleicht aus den Mangos direkt ein paar Gläser Mus herstelle, den Salat noch am gleichen Abend verwende und so weiter.“ Schon ein ganz schöner Aufwand oder? „Joa, manchmal schon, das stimmt. Aber das mach‘ ich gerne und es gehört inzwischen zu meiner Woche. Jedes Stück Obst oder Gemüse, das ich kaufen muss, tut schon fast weh, überspitzt gesagt – ich weiß ja, dass täglich Ware in die Tonne geht.“

 

Auch Marleen integriert ihre Abholtage ganz einfach in die Woche, als Studentin ist sie mal häufiger, mal seltener dabei. Mit dem Beginn des Studiums und dem Umzug von Iserlohn nach Dortmund ging es los, das Thema Foodsharing interessierte sie und so machte sie schnell mit und übernahm Verantwortung. „Es ist einfach schön zu sehen, dass sich immer mehr Menschen gegen Verschwendung und ein Überangebot aussprechen und dafür auch etwas tun“, strahlt sie und hofft, dass diese Einstellung zunimmt. „Im Semester bin ich vor allem samstags auf dem Markt, da hab ich dann erst abends wirklich Zeit mich mit Freunden zu verabreden. Aber dann lad‘ ich eben zum Kochen und Essen ein und am Ende kann ich sagen: All das haben wir gerettet! Das ist doch schön.“

 

Seit kurzem hat Foodsharing Dortmund ein Lastenfahrrad, dass sie derzeit noch in der VeloKitchen (in der sie sich übrigens auch monatlich zum Kochen verabreden) zwischenparken können. Mit dem Rad können Abholer ohne Auto größere Mengen transportieren, denn da passen schon ein paar Kisten drauf. „Für uns super praktisch und natürlich auch viel umweltfreundlicher. ABER wir sind derzeit ganz dringend auf der Suche nach einer Garage oder ähnlichem, damit wir in der VeloKitchen wieder Platz machen.“ Du kannst helfen oder hast einen Tipp? Dann meld Dich hier: facebook.com/groups/foodsharingdo/