Geschichten aus Dortmund

Menschen aus Dortmund

Na, wie malt es sich denn so in 12 Metern Höhe? Lea findet: eigentlich ganz entspannt. Lea hat da leicht reden. Für sie ist es ja nicht das erste Mal - arbeiten so hoch oben, über den Straßen von Dortmund. Uns schlottern die Knie, als wir Ebene um Ebene des Baugerüsts erklimmen. Lea klettert selbstbewusst voraus – flink wie ein Eichhörnchen. Wir folgen – weniger flink, mit dem Herz in der Hose. Der Ausblick und Leas nette Gesellschaft entschuldigen die Zitterpartie. Schnell sind wie so ins Gespräch vertieft, dass Höhe kein Thema mehr ist.

Seit gut zwei Wochen hilft Lea, dem Brückstraßenviertel ein neues Aussehen zu verpassen. Die nördliche Seitenwand der Ludwigstraße Nummer 12 ist dabei ihre Leinwand. Literweise Fassadenfarbe, Pinsel, Rollen und eine Handvoll Spraydosen sind ihr tägliches Handwerkzeug. Knapp 200 Quadratmeter leere Fläche stehen Lea zur Verfügung. Bei einer Leinwand solchen Ausmaßes, kann ‚so ein bisschen malen‘ schon ganz schön auf die Arme gehen.  

 

Sonst malt Lea auf etwas weniger Quadratmetern. Bilder, die zumindest in einen Bilderrahmen passen. Klar, in ihrer Karriere als freischaffende Künstlerin ist sie schon auf verschiedenste Weise kreativ geworden. Auch im Rombergpark hat sie bereits ein Mural (großflächiges Fassadenbild) gestaltet. Ob Gemälde, Mural oder Installation, Leas Arbeiten haben einen bestimmten, für sie typischen Look. Mal filigrane, mal grobe Strichmuster; abstrahierte Säulenformen; Gradlinigkeit - Leas Arbeiten sind elementar, unaufdringlich und haben doch eine unglaubliche Tiefe. Auch Leas Entwurf für die Ludwigstraße 12 orientiert sich da an diesem Stil. „Ja, das ist jetzt eben ein Bild, das sich aus Strichen zusammensetzt“, lacht sie mit einer gesunden Portion Bescheidenheit. Natürlich sind es nicht nur Striche, da an der Wand. Lea hat es geschafft mit einem simplen Motiv riesigen Assoziationsraum zu schaffen. In Leas Bild gibt es ein Davor und ein Dahinter und dazwischen stehen irgendwie diese ominösen Striche.

 

Lea kommt gebürtig aus Herdecke, ist aber schon während ihres Studiums viel in Deutschland und der Welt unterwegs gewesen. Ihre letzte Station war Hamburg. Irgendetwas, bzw. „ein ganz besonderer Jemand“, hat sie dann aber doch zurück ins Ruhrgebiet gelockt. In Dortmund konnte Lea sich auch endlich den Traum vom eigenen Atelier erfüllen. Schon finanziell wäre das in Hamburg unmöglich gewesen. Lea  genießt es einfach, wieder zurück in der alten Heimat zu sein. Auch, da das Ruhrgebiet eine überraschend lebendige Kunstszene hat. In Orten wie dem Dortmunder U, als selbsternanntes Zentrum für Kunst und Kreativität, oder in der 44309 Street//Art Gallery, fühlt sich Lea pudelwohl und entsprechend verstanden und gefördert.

 

Inspiration zieht Lea aus ihrer Bewegung durch die Stadt. Seit einiger Zeit hat sie es sich zum Ziel gemacht, täglich 10.000 Schritte („oder mehr“) zu gehen. Mit der Zeit sind diese Spaziergänge für Lea fast schon zur Sucht geworden. Auf ihrem Weg entdeckt sie die Stadt auf ihre ganz eigene Art. Besonders (ihr) unbekannte Orte ziehen sie an. Durch das Entdecken und Kennenlernen der Stadt fühlt Lea sich immer mehr heimisch. Fremde Räume werden zu bekannten, die ganze Stadt wird zur Nachbarschaft.

 

Irgendwie spielt in Leas Spaziergeh-Leidenschaft dann auch noch ihre Faszination für die Zaunwüste Dortmunds mit hinein. Leas neustes Hobby ist ihre analoge Kamera. Auf ihren Wanderungen knipst sie besonders gern Zäune. Uns drängt sich die Vermutung auf, dass Lea ihre Strich-Formen auch in der Freizeit nicht loslassen. Ob sich aus den Schnappschüssen mal ein richtiges Projekt oder gar eine Ausstellung ergibt - wir wollen es schwer hoffen. 

 

Wenn Lea einfach mal die Seele baumeln lassen will, setzt sie sich auf ihre Lieblingsbank, nahe des Tremoniaparks und löst in der Abendsonne das ein oder andere Sudoku-Rätsel. Sudoku? Ist das nicht viel zu spießig für eine Künstlerin? „Gar nicht!“, lacht Lea. „Da kann man einfach mal abschalten“. Kraft tankt Lea am liebsten bei Froilein Meier - da wird zur Mittagszeit immer was Gutes aufgetischt. Oder halt bei Monchi, mit einem warmen Pflaumenwein. Im Anschluss geht’s für Lea dann oft zum Ziegen-streicheln zum Schultenhof.

 

So viel Zeit hat Lea dafür derzeit aber nicht. 200 Quadratmeter gestalten sich nicht von allein. In der kommenden Woche kannst Du Lea noch an der Ludwigstraße besuchen. Fertig sein wird das neue Brück-Mural wohl erst Ende Juli.