Geschichten aus Dortmund

Menschen aus Dortmund

Jane ist gebürtige Amerikanerin. Seit 35 Jahren lebt und arbeitet sie in Deutschland. Die gelernte Opernsängerin steht heute vor allem mit Jazz- und Popstandards auf der Bühne. Gesungen hat sie in ihrer Karriere so gut wie alles: Musical, Rock, Funk, Soul etc. – Hauptsache es groovt. Jane ist eine absolute Powerfrau – auf und fernab der Bühne. Sie lacht viel und gerne. Ihre Gesellschaft macht gute Laune. Jane blickt zurück auf eine bewegte Karriere. Sie war viel unterwegs, hat unzählige Bühnen besungen. Angekommen ist sie in Dortmund-Wickede. Und das soll fürs Erste auch so bleiben.

Bei Gesprächen mit Jane muss man darauf gefasst sein, einfach mal angesungen zu werden. „Hier, dieses eine Lied. Kennste sicher“. Nee. Kenn ich nicht. „Doch klar: Dadatataaa da dadatata“. Ach so. Sicher – kenn ich. Als Jane mal eben den Refrain von Stevie Wonders „I Wish“ rausbrettert, gucket der Rest der Cafébesucher nicht schlecht verdutzt. Jane ist es egal. Mir auch. Wenn Jane von Musik erzählt, sprüht sie vor Begeisterung. Und diese Begeisterung ist ansteckend.

 

Eigentlich war ihr Bruder ja der Musiker in der Familie. Als Jugendliche hatte Jane zwar begonnen Klavier zu lernen, war dann aber aus der Klasse geflogen, weil sie chronisch zu wenig übte. Dabei wollte Jane so gern ein Instrument spielen, mit dem sie sich selbst begleiten konnte. In einer Zeit als Radio und Kassette noch König waren, war das mit dem zu Hause nachsingen gar nicht so einfach. Youtube-Karaoke Versionen waren ein Ding der Zukunft – Instrumentalbegleitungen mussten selbstgemacht sein. Jane wünschte sich sehnlichst eine Gitarre. Die Familie hatte wenig Geld. Zu Weihnachten gab’s eine Ukulele. Da Joni Mitchel Songs auf der Ukulele nicht wirklich klingen, schenkte ihr ihr Bruder kurzum seine alte Gitarre. Von hieran ging es für Jane musikalisch voran. In der Highschool sang sie in einer Rockband und tingelte durch die lokalen Kneipen und Clubs von Long Island. Dass sie das Singen mal zu ihrem Beruf machen würde, war für sie zu dieser Zeit noch kein Thema.

 

Nach der Highschool begann sie zu studieren – Biologie. Nach fünf Semestern musste sie sich eingestehen, dass dies nichts für sie war. Sie schmiss das Studium und begann Gesangsunterricht zu nehmen. Irgendwann traf sie dann die Gesangslehrerin die den Unterschied machte. Sie nahm Jane mit nach Manhattan – nächster Halt: Broadway. Mit klassischer Musik war Jane bis zu diesem Zeitpunkt eher wenig in Kontakt gekommen. Als sie an diesem Tag zum ersten Mal einer Probe für eine Mozart Oper lauschte, änderte sich für sie alles. So auf der Bühne stehen, die eigene Stimme bis in die hintersten Sitzreihen klingen lassen, diese Großen Gefühle verkörpern – das wollte sie auch. Sie schrieb sich erneut am College ein – dieses Mal für klassischen Gesang. Klar, die Selbstzweifel waren da. Viele ihrer Mitstudierenden sangen bereits seit ihrer Kindheit und hatten viel mehr Ahnung von Musik und Notenlehre. Aber Jane hielt durch. Belohnt wurde sie nach ihrem Abschluss mit der Rolle des Hänsel in Humperdick’s „Hänsel und Gretel“. Jane hat noch Aufnahmen von ihrer Zeit an der Oper. „Mein Deutsch von damals kannst du dir heute auch nicht mehr anhören“, lacht sie. „Da verstehst du nichts“.

Als Jane irgendwann angeboten wurde in Deutschland zu singen, zögerte sie nicht lang. Sie packte ihre Koffer und stieg in den Flieger nach Berlin. Nach Dortmund kam sie 1989, für die Hauptrolle in der „Dortmund Revue“ im Theater Olpketal. Hier hatte Jane die Chance ihr volles komödiantisches Potential zu entfalten. Deutsch sprach sie zu diesem Zeitpunkt bereits recht gut. Der Ruhrgebiet-Dialekt machte ihr anfangs aber noch zu schaffen. Auch an die eher raue Schale des Ruhrpottler musste sich die Amerikanerin erstmal gewöhnen. Hier  war nichts mit Höflichkeitsfloskeln und Tür aufhalten. Jane ließ sich nicht abschrecken und blieb.

 

Heute tritt Jane alle paar Monate mit ihrem Jazz-Trio auf. Zwei Gitarren und Jane als Frontsängerin.  Die Szene ist überschaubar, man kennt sich. Irgendwie kommen immer mal wieder Anfragen für ein Projekt oder einen Gig rein. Seit einiger Zeit arbeitet Jane außerdem als Sprecherin in einen Synchronstudio. Hier liest sie englische Übersetzungen für deutsche Filmdokus ein. Gesangslehrerin ist sie auch – an der Musikschule in Bergkamen und natürlich an der Musikschule Dortmund. Ihre Schüler singen meist Pop, Jazz oder Musical. Sie gesteht, dass sie eigentlich gern wieder mehr singen würde. „Aber ich bin ja auch ruhiger geworden“, sagt sie. Ich gluckse. Jane vergisst manchmal, dass sie mit ihren 64 immer noch eine ganz schön coole Sau ist. In Rente gehen?  – daran ist für Jane nicht zu denken. Lieber noch ein weiteres Chorprojekt oder ein neues Ensemble aufbauen. Sie grinst verschmitzt. Ruhestand, das gibt’s für Jane nicht. Und das ist auch gut so.