Geschichten aus Dortmund

Menschen aus Dortmund

Auf dem kleinen Kunstrasenplatz in Dortmund Kirchderne rappelt‘s. Und das nicht nur bei jeder Bude, auch bei Annahme, Pass und Schuss. Seit 2006 gibt es Blindenfußball in Deutschland; seit dem letzten Jahr ist der Dortmunder Blindenfußball Teil der BVB Familie. Wer glaubt, dass man zum gut Kicken unbedingt sehen muss, irrt gewaltig. Ted, Hasan und Co. zimmern das rasselnde Leder mit einer Wucht zwischen die Pfosten, dass uns die Ohren klingeln. Schnell hinter’s Tor – aus Gründen des Selbstschutzes und zur aufmerksamen Spielbeobachtung.

 

Klar, zwischen Blinden- und konventionellem Fußball gibt es ein paar Unterschiede. Die Eckdaten: Vier blinde Feldspieler, ein sehender Torwart, zweimal zwanzig Minuten auf einem umbandeten Futsal-Feld. Die blinden Feldspieler sind insbesondere auf ihr Gehör angewiesen. Der Ball rasselt, laufenden Spieler kündigen sich dem Gegner mit dem Ausruf „Voy!“ an. Der Torwart koordiniert durch Kommandos seine Abwehr. Im Mittelfeld und beim Spielaufbau coacht der Trainer von der Seitenlinie. Der Angriff wiederum wird von einem Guide hinter dem gegnerischen Tor koordiniert. An diesem Samstag in Kirchderne ist das Ute. Ute sagt ihren Angreifern an, wie viele Meter sie vom Tor entfernt sind, auf welcher Position sie sich befinden, wie viele Gegenspieler sie haben und gibt ihnen das abschließende „SCHUSS!“. Es ist unglaublich beindruckend, wie orientiert und selbstbewusst sich die Spieler über den Platz bewegen. Vor dem Tor wird flink gekreuzt, Gegner werden ausgetanzt, Zweikämpfe werden bis zum Ballgewinn ausgefochten. Wir scheitern schon am Versuch den Ball mit geschlossenen Augen einfach nur ein paar Meter vorwärts zu dribbeln. Aber gut, die Jungs und Mädels auf dem Platz sind halt Profis.

 

Ted heißt eigentlich Hasan, ist 27 Jahre alt und Physiotherapeut. Für Dortmund hat er bereits als Jugendlicher gespielt; zuerst Torball und dann Blindenfußball. Seit 2014 ist er außerdem festes Mitglied der deutschen Nationalmannschaft.

 

   Ted: Fußball habe ich schon als kleines Kind gespielt, im Hinterhof mit meinen Cousins und Freunden. Als der Blindenfußball dann nach Deutschland kam, waren wir sofort mit dabei. Fußball, wo alle gleichberechtigt, oder gleich benachteiligt sind, macht doch nochmal mehr Spaß.

 

Der zweite Hasan im Team ist fast 50 und ist seit Jahrzehnten im Dortmunder Integrationssport engagiert. Hasan war von Beginn an am Aufbau der Blindenfußballmannschaft in Dortmund beteiligt. Der Lohn für die viele gute Arbeit kam dann im letzten Jahr, als der BVB die Mannschaft als eigene Abteilung in den Verein aufnahm. Hasan’s absolutes Highlight in der vergangenen Saison: der Derbysieg gegen den BVB-Erzrivalen – die Blauen aus „Herne-West“.

 

    Hasan: Das war toll. Der Platz war voll mit Zuschauern, die alle für uns gejubelt haben. Als dann der Abpfiff kam, hat sich alles entladen. Das war einfach gigantisch.

 

Auch das Zuschauen ist beim Blindenfußball anders. Sprechchöre oder Gesänge müssen bis nach dem Spiel warten. Torjubel ist dafür absolut erlaubt. Im März startet der BVB Blindenfußball in die neue Saison. Ted hofft, dass es in diesem Jahr mal zu einem Titel reicht. Die Konkurrenz in der Bundesliga ist hart, auch wenn man die Blindenfußballvereine in Deutschland an zwei Händen abzählen kann. Für mehr als eine Mannschaft reicht es in Dortmund derzeit  nicht. Das heißt auch, dass Profis und Anfänger zusammen trainieren. Dem Spaß an der Sache tut das keinen Abbruch. Trainer und Mannschaft freuen sich über jeglichen Zuwachs. Von der Fusion mit dem BVB erhofft sich Hasan eine gesteigerte Aufmerksamkeit für den Sport. Erst mit mehr Spielern kann sich die Liga vergrößern. 

 

Wir haben uns am Platz in Kirchderne pudelwohl gefühlt und können jedem Interessierten einen Abstecher empfehlen. Die Bundesligaspieltage werden mit allen Mannschaften an je einem Spielort ausgetragen. Wir halten Dich auf dem Laufenden und geben Bescheid, wenn klar ist, wann die Liga nach Dortmund kommt.