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Im Familien-Interview: Marina – Mama und Roman-Autorin

|   Familienzeit

Und am Ende küssen sie sich... Marina schreibt Liebesromane. Ganz romantische. Mit Sonnenuntergang über Alpengipfeln. Aber nur, wenn sie nicht gerade einem ihrer Söhne bei den Schularbeiten hilft. Ein Gespräch über Kitsch, die Schwierigkeit von erotischen Szenen, flexible Arbeitszeiten und Humor.

Wie lautet eigentlich genau Deine Berufsbezeichnung?
Ich bin Autorin von Heftromanen. Und ich übersetze zudem die von anderen Autoren aus dem Englischen ins Deutsche. So ein Roman ist von der Idee bis zum fertigen Heft aber eigentlich Teamarbeit. Als Verfasser geben wir deshalb ein Pseudonym an. Und das möchte ich daher hier nicht verraten, weil ich da als Autorin nur ein Teil bin.

 

Heftromane also – was für Geschichten schreibst Du da?
Das sind diese Hefte, die es im Zeitschriftenhandel zu kaufen gibt. Der typische Ablauf ist: Zwei Personen lernen sich kennen oder kennen sich schon – und verlieben sich. Aber dann kommt ein Konflikt. Den muss ich ausbauen, bis es so aussieht, als ob die beiden auf keinen Fall zusammenkommen. Und dann suche ich eine kreative Lösung, wie es doch klappt. Ich schreibe für zwei Arten von Romanen: einmal den “Heimatroman” und dann ein Genre, das sich “Romance” nennt.

 

Ah, der Graf, der Förster und die schöne Reitlehrerin...
Dass die Figuren vor einem Konflikt stehen, der sich dann auflöst – so funktioniert ja eigentlich generell jede Geschichte. Natürlich ist bei uns immer ein gewisser Romantik-Faktor dabei. Ich habe aber sehr viel übers Geschichten-Erzählen an sich gelernt. Denn ich schmeiße die Figuren ja immer wieder neu zusammen und lasse sie Neues erleben. Und muss auch immer Neues recherchieren. Neulich drehte es sich zum Beispiel um das Thema Seilbahn. Da musste ich mir schon den Hintergrund draufschaffen. Und lustigerweise hatte ich noch nie einen Grafen, einen Förster oder eine Reitlehrerin… Wenn es erotisch wird, ist das übrigens das Schlimmste. Das ist am schwierigsten zu schreiben. Entweder driftet es ins Anatomische ab oder es wird zu blumig und kippt dann.

 

Ein erster Impuls ist häufig: Immer das gleiche Baukastenprinzip – solche Romane zu verfassen, ist nicht schwierig. Was entgegnest Du auf sowas?
Das Genre hat einfach eine bestimmte Art der Erzählung, seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Ich kann das Paar zum Beispiel am Ende nicht traurig auseinandergehen lassen – das erwartet die Leserschaft einfach anders. Aber das kann ich auf ganz unterschiedliche Art und Weise machen. Ich hab zum Beispiel als Figuren mal einen Zukunftsforscher, eine Tänzerin, einen Maschinenbaustudenten oder ein ganzes Streichquartett genommen. Da ist also schon Abwechslung drin. 

 

Hand aufs Herz: Würdest Du Deine eigenen Geschichten lesen?
Ich bin im Grunde meiner Seele kitschig. Das muss ich als Autorin solcher Romane auch sein, um das mit einer gewissen Leidenschaft zu machen. Ich mag Geschichten mit gutem Ende. Und wenn die Kussszene kommt, freue ich mich. Mein Mann lacht, wenn ich da bei Filmen noch mal zurückspule. Also: Tatsächlich lese ich diese Art von Romanen gerne. Meine eigenen Geschichten lese ich jedoch nicht. Aber nur, weil ich dann immer noch den ein oder anderen Fehler finde. Und das ärgert mich dann zu sehr. (lacht) 

 

Arbeitest Du Personen, die Du kennst, oder etwas, das Du selbst erlebt hast, in Deine Geschichten ein?
Dass ich bei meinen Figuren Eigenschaften von realen Menschen übernehme, das passiert denke ich automatisch. Wenn ich über einen Millionär in London schreibe, gehört der ja nicht zu meinem Erfahrungshorizont. Und wenn ich beim Schreiben gerade übers Backen nachdenke, dann mögen die Figuren halt auch Kuchen. Aber dass ich da bewusst etwas verarbeite, das passiert eigentlich nicht. 

 

Hast du weiter den Traum, einen “richtigen” Roman zu schreiben?
Kann sein, dass ich da im Laufe der Zeit noch mal Lust drauf bekomme. Aber jetzt gerade nicht. Ich bin hier mit meiner Familie eingebunden – und ich finde meinen Job super. Der macht mich echt glücklich! Nicht nur, dass ich einmal im Monat zwei Menschen ein Happy End erleben lasse. Wenn andere ins Büro oder so gehen, verabschiede ich mich in die Alpen oder auf eine Südseeinsel. Klar passiert dann da was Dramatisches – aber ohne wäre ja auch langweilig. 

 

Wie bist du überhaupt an diesen Job gekommen?
Das hat tatsächlich was mit der Familie zu tun. Ich habe schon immer gerne geschrieben und bin mit den Worten in mein Germanistik-Studium eingestiegen, dass ich mal ein Buch schreiben möchte. Nach dem Studium war ich erst Buchhändlerin. Nachdem mein älterer Sohn geboren wurde, musste ich dann schauen, wie ich wieder ins Berufsleben zurückkehren könnte. Aber die Arbeitszeiten im Einzelhandel sind eher kompliziert für die Familie. Da ich Liebesgeschichten sehr gerne mag, hab ich dann gedacht: Versuch das doch mal und schreib selbst welche. Und dann habe ich mich bei einem Verlag beworben.  

 

Also lässt sich Dein Beruf gut mit dem Familienleben vereinbaren?
Bevor das erste Baby da war, hab ich mir vorgestellt: Ich sitze idyllisch am Schreibtisch und schreibe und das Kind spielt ruhig zu meinen Füßen. Dann hat sich herausgestellt, dass das nicht der Realität entsprach. (lacht) Und dann kam ja noch ein zweites Baby. Da brauchte es viel Koordination und viele Verhandlungen, damit ich etwas Zeit zum Arbeiten finde. Aber natürlich genieße ich meine total flexiblen Arbeitszeiten. Es gibt zwar feste Abgabetermine. Aber ob ich nachts schreibe oder nachdem ich die Mathe-Aufgaben mit einem meiner jetzt ja schon größeren Söhne gemacht habe – das ist egal. Und wenn einer der beiden krank ist, kann er bei mir zu Hause bleiben, ohne dass wir etwas organisieren müssen. Wobei ich natürlich schon auf dem Zahnfleisch gehe, wenn ich zu viel jongliere. Aber generell ist das das große Plus der Freiberuflichkeit!

 

Wobei Arbeiten im Homeoffice ja auch eine Herausforderung sein kann, wenn Kinder im Haushalt sind – besonders jetzt im Lockdown.
Es ist in der Tat nicht immer so leicht: Ich muss gefühlstechnisch schon in meine Geschichte eintauchen. Da ist es schwierig, wenn alle Nase lang jemand reinkommt und Hilfe bei den Englisch-Hausaufgaben oder so braucht. Aber das klappt immer besser. Das macht Familienleben ja ohnehin aus, dass man den Blick füreinander immer wieder schärfen muss. Und man muss viel mit Humor nehmen – das ist ganz wichtig! Wenn ich das 15. Mal “Maaaamaaaa” rufen höre, dann antworte ich schon mal, indem ich anfange den passenden Queen-Song zu singen.

 

Verstehen denn Deine Kinder, was Du von Beruf bist? Und mögen sie die Geschichten?
Da bei uns Belegexemplare der Romane rumliegen, bekommen sie schon mit, was ich so schreibe. Und Autorin finden sie als Beruf auch spannend. Sie sind aber jetzt 10 und 12 und damit in einem Alter, in dem sie das nicht lesen würden – das wäre ihnen vom Inhalt her zu peinlich. Die gucken ja auch beim Fernsehen weg, wenn es romantisch wird. Während ich genau diese Stellen toll finde und mein Mann sagt: “Oh, sie kriegt wieder ‘ne Gänsehaut…” Aber damit bin ich hier halt alleine.

 

Sind Deine Söhne auch so an Literatur interessiert wie Du?
Sie lesen beide sehr gerne und schreiben auch selbst. Während der Jüngere richtig gute Geschichten schreibt, sind es beim Älteren die Gedichte. Aber als Berufsbild sind beim Jüngeren eher Schlagzeuger, Rapper und Magier angesagt. Der Große überlegt noch. Wobei Rapper ja eigentlich auch Geschichten erzählen...

 

Als Tradition bitten wir unsere Interview-Partner*innen um einen Tipp, was jede Familie in Dortmund einmal gemacht haben sollte. Was kannst Du empfehlen?
Da ihr den Süggelwald ja schon hattet [den hatte Stefan Mörken hier empfohlen; zu einem ausführlichen Artikel geht es hier], nehme ich den Naturlehrpfad “Alte Körne”. Das ist ein Naturschutzgebiet in Scharnhorst, in dem man mit Kindern ganz wunderbar die Natur erleben kann. Die Landschaft ist wirklich sehr hübsch dort, aber es war dennoch nie überlaufen, wenn wir da waren. Das macht generell für mich den Charme von Dortmund aus: Dass man ganz viel entdecken kann, wenn man nur hinguckt!

 

Und als zweites: Kannst Du ein Lied empfehlen?
Musik sollte immer gute Texte haben, finde ich. Auf dem Juicy Beats hab ich die Band OK KID entdeckt, die jetzt ein neues Lied rausgebracht hat: “Frühling Winter”. Darin geht’s um die Coronazeit und was sonst noch im vergangen Jahr so passiert ist. Und die Einnahmen fließen komplett in “Alarmstufe Rot”, ein Bündnis zum Erhalt der Kultur. Deshalb finde ich das derzeit am besten. 

     

Wer unsere Fragen beantwortet hat...
Marina Michaelsen (42) kommt aus Lippstadt, hat in Bielefeld und Antwerpen studiert und ist 2004 wegen der Liebe nach Dortmund gekommen. Ihren Abschluss hat sie in Germanistik, Anglistik und Texttechnologie gemacht. Letzteres umfasst “alles, was man am Computer mit Texten machen kann”. Heute schreibt sie unter Pseudonym Liebesgeschichten für Heftromane. Sie liest gern und viel, aber – wie sie sagt – nicht immer nur Anspruchsvolles. Und sie lacht gerne.

Interview: Simon Bückle

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