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Im Familien-Interview: Maxa – Mama und Festivalleiterin

|   Familienzeit

Maxa ist mit ihrer Familie von Kairo nach Dortmund gezogen. Sie leitet das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund+Köln und setzt sich für Gleichstellung ein. Hier erzählt sie über ihre Arbeit, wieso Deutschland ihr zu konservativ ist und was sie vom internationalen Flair unserer Stadt hält.  

Kannst Du uns das Internationale Frauen* Film Fest (IFFF) kurz beschreiben?
Das IFFF ist vor über 30 Jahren aus der Frauenbewegung entstanden und setzt sich dafür ein, Filme von Frauen in die Kinos zu bringen. Dabei bekommen nicht nur Regisseurinnen, sondern auch Kamerafrauen, Filmmusikerinnen und andere Filmschaffende Gelegenheit, ihre aktuellen Arbeiten zu präsentieren. Zusätzlich bietet es Vernetzungsmöglichkeiten und schafft eine Plattform, sich über aktuelle Entwicklungen und Trends auszutauschen.

   

Wie sehen Deine Aufgaben beim IFFF aus?
Es ist eine Mischung aus künstlerischer und konzeptioneller Arbeit. Ich fasse die Visionen und Ideen in einem Konzept zusammen und plane, wie diese beim Festival umgesetzt werden können. Zum Beispiel habe ich veranlasst, dass in diesem Jahr das Programm des IFFF Dortmund+Köln in beiden Städten erstmals  angeglichen wird. Es ist aber nicht nur intellektuelle Arbeit, sondern auch Büroarbeit. Hinzu kommt die Planung und Koordination des Teams, welches sich aus Kuratorinnen, Management, Kinobetreuung und Technik zusammensetzt.  

   

IFFF Dortmund+Köln
Das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund + Köln ist Deutschlands größtes Forum für Frauen* in der Filmbranche. Es wird dieses Jahr vom 15. bis 20. Juni überwiegend online präsentiert – mit einem Programm von knapp 100 Filmen von Frauen* in Dortmund. Weitere Infos gibt es auf der offiziellen Website

   

Entscheidest Du auch über die Auswahl der Filme, die dort gezeigt werden? 
Ja, klar. Als künstlerische Leitung habe ich den Großteil aller Filme gesehen. Wir erhalten knapp 1000 Einreichungen und haben in den Dortmunder Kinos Platz für circa 100 Filme: kurze und Langspielfilme, Dokumentar- und Experimentalfilme, Kita- und Schulfilme. Man kann sich vorstellen, wieviel Entscheidungsmomente da auf die Kuratorinnen zukommen. Ich kenne als Einzige schon früh das gesamte Programm und stehe zur Verfügung, wenn die Kuratorinnen Gesprächsbedarf bei dem Treffen einer Entscheidung haben. Manche Filme haben genauso viele Stärken wie Schwächen, manche kommen schick daher, tragen aber zweifelhafte Botschaften in sich – was tun?  

   

Warum sind Frauen in Filmen unterrepräsentiert?
Wir haben Jahrhunderte lang mit Bevormundung und Unterdrückung gelebt. Der Wandel kam erst spät und ist bis heute noch nicht annähernd umgesetzt. Das macht sich eben auch in der Filmwelt bemerkbar. Das ist eine Branche, die nach wie vor von Männern dominiert wird. Gerade in Deutschland sind wir so hinterher, was die Gleichstellung und Repräsentation der Frauen in Film und Fernsehen angeht. Als Beispiel braucht man sich nur mal das Alter der Frauen dort anzuschauen: Es sind entweder nur Frauen unter 35 oder dann erst wieder ab 60. Die 20 Jahre dazwischen sind Frauen im biologischen Umschwung und uninteressant. Denn sie fallen nicht mehr in die Kategorien "jung und fruchtbar" oder "alt und weise".  

Auch im Kinderfernsehen sind Fantasiewesen, die durch Tiere, Pflanzen oder Objekte (man denke an den Schwamm Sponge Bob) dargestellt werden, über 90 Prozent männlich. Oder wenn man sich einmal Dokumentationen und Sachberichte anschaut: Diese werden immer von einer männlichen Stimme gesprochen. So kann man sagen, Geschichte wird vom Mann erzählt.  

   

Weitere Infos zur Diversität
Ihr möchtet gerne mehr Infos und Zahlen zum Thema Diversität im Fernsehen und in Kinderprogrammen erfahren? Dann schaut mal auf der Website der Malisa Stiftung nach.  

   

Du hast unter anderem bereits in Berlin, London und Kairo gelebt. Wo hat es dir bisher am besten gefallen und warum?
Ich kann sagen, dass ich in London meine prägenden Jahre verbracht habe. Im Alter zwischen 20 und 30 konnte ich dort rausfinden: Was gehört zu mir, wo geht mein Weg hin und was sind meine Visionen? Ich fühlte mich dort wie ein Fisch im Wasser. Auch als Zugezogene wurde ich direkt gleichgestellt, weil London eben sehr international ist. Auch die Sprache macht es einem einfach, Hoch- und Subkulturen zusammenzuschließen. Ich bin froh, dass mich nur 7 Stunden Zugfahrt von London trennen.  

   

Wo liegen die Unterschiede bei den Städten in Sachen Flair, Kultur und Rolle der Frau?
Nach meinen Aufenthalten in Paris und Rom war ich glücklich darüber, in London zu sein. Dort konnte ich mich endlich wieder als Frau wohlfühlen. An London schätze ich das Androgyne. Vor allem in Italien war der öffentliche Raum so sexualisiert, dass ich dort als junge Frau kaum zur Ruhe kam und ständig angesprochen wurde. In Kairo hingegen ist die Sexualität sehr unterdrückt, was unangenehme Situationen hervorrufen kann. Dort ist es zwar gesellschaftlich verboten, fremde Frauen auf der Straße anzusprechen. Dafür passiert das unterschwellig und bringt einen in eine sehr missliche Lage.    

   

Du bist von Kairo nach Dortmund gezogen, um die Leitung des IFFF Dortmund+Köln zu übernehmen. Wie gefällt es dir hier in Dortmund? Was schätzt Du besonders an der Stadt?  
Ich komme sehr gut in Dortmund zurecht und schätze die fragile Balance zwischen groß und klein, städtisch und grün, lokal und international sowie eigenständig und kollektiv. Nach fünf Jahren in Kairo kam ich mir vor wie im Paradies, als ich das erste Mal den Westpark besucht habe. So viel Grün und doch in der Stadt. Das macht die Stadt besonders aus. Außerdem genieße ich es, hier so viele internationale Menschen zu sehen. Da komme ich mir ein bisschen vor wie in meiner alten Heimat Hackney in London.  

   

Du bist Mama von zwei Söhnen, die bislang in Kairo gelebt haben. Wie haben sie den Umzug und die neue Kultur wahrgenommen?
Sie sind hier gut angekommen. Bilal, der jüngere, hat einen leichteren Start gehabt, denn er ist in die Kita gekommen und konnte sich dort prima einfinden. Mein älterer Sohn Zaki hatte es dagegen etwas schwerer, da er nach sechs Monaten Kita direkt in die Schule wechseln musste – er mag Strukturveränderung nicht besonders. Meine Jungs sprechen gut Deutsch und auch ein bisschen Arabisch und Englisch. Ich bin froh, dass die Sprache ihnen den Start hier nicht noch zusätzlich erschwert hat. Sie lieben die vielen Freizeitmöglichkeiten und wir sind auch viel mit dem Fahrrad unterwegs, was in Kairo nicht möglich war. Beide spielen beim BSV Fortuna Fußball, wo ich auch als Trainerin der Kleinen aktiv bin.

   

Als Leiterin eines Festivals bist Du bestimmt auch "außerhalb der Geschäftszeiten" eingespannt. Wie bekommst Du Karriere und Kinder unter einen Hut?
Wir haben zum Glück ein familienfreundliches Arbeitsklima, sodass ich die Zeiten etwas flexibler setzten kann oder meine Kinder auch gelegentlich ins Büro mitnehme. Dort können sie auch mal eine Folge "Paw Patrol" gucken, während ich arbeite. Seit März ist mein Mann auch wieder hier und lernt gerade Deutsch. Zu zweit ist es deutlich einfacher, den Alltag mit den Kindern zu bestreiten. Es war aber lange Zeit nicht so und ich war dankbar über das Netzwerk, das durch die Kita entstanden ist. So konnten mir die Kinder auch mal abgenommen werden, indem sie nachmittags zum Spielen zu Freunden gegangen sind.   

   

Ist es als Frau bzw. Mutter schwieriger, eine leitende Position auszuführen?
Es ist total überfordernd. Die Struktur in Deutschland ist veraltet und die New-Work-Bewegung sollte meiner Meinung nach angegangen werden. Was würde sich gesellschaftlich verändern, wenn wir mehr Zeit für das Familien- und Privatleben hätten? Ich denke, das Arbeitsgesetz in Deutschland ist überzogen und macht es einem nicht leicht, die sogenannte Work-Life-Balance zu halten.  

   

Wie ist Dein Eindruck: Gibt es dort einen Wandel oder arbeitest Du überwiegend mit Männern zusammen? 
Das ist schwierig, denn es ist belegt, dass ein Michael eher einen Michael einstellt als eine Gabi. Daher sehe ich hier einen nur sehr zögernden Wandel. Es wird viel über Gleichberechtigung gesprochen und man ist der Meinung, es tut sich was, aber die Zahlen sagen was anderes. Der Drang nach Erfolg ist höher als nach Gleichberechtigung. Wir leben in konservativen Zeiten in Deutschland und ich hoffe sehr auf eine baldige Wende.  

   

Schauen Deine Kinder auch gerne Filme? Welche sind besonders beliebt?  
Ja, klar. Sie sind sogar süchtig nach Videos. Ich schaue mir auch gerne Kinderfilme aus dem Festival mit ihnen an. Die Filme haben häufig einen offenen Handlungsstrang, der bei meinen Kindern Fragen aufwirft. Das führt dann oft zu anregenden Gesprächen, was ich toll finde. Aber wir schauen uns auch gerne die Klassiker von Astrid Lindgren an wie Michel aus Lönneberga oder Die Kinder von Bullerbü.  

   

Hast Du einen absoluten Lieblingsfilm?  
"Das Schweigen der Paläste" von der tunesischen Regisseurin Moufida Tlatli ist ein wunderbarer Film, der von Liebe und Revolution handelt. Im Rahmen der Reihe "Weltsichten" wird der Film auch Ende des Jahres im Kino im U zu sehen sein.  

   

Hast Du einen Ausflugstipp für Familien in Dortmund?  
Wir gehen sehr gerne in den Westfalenpark und meine Kinder lieben die Spielstraße dort. Ansonsten finden wir den Revierpark Wischlingen schön. 

   

Was ist Dein absoluter Gute-Laune-Song?   
Ich stehe total auf den Song "Crown" vom Grime-Rapper "Stormzy", weil er einerseits melancholisch aber auch aufbauend ist. Außerdem erinnert mich sein Akzent an meine Zeit in England.   

     

Wer unsere Fragen beantwortet hat...
Dr. Maxa Zoller (46) leitet das Internationale Frauen* Film Fest Dortmund + Köln. Gebürtig kommt sie aus München, aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf in der Eifel. Maxa studierte in Freiburg Kunstgeschichte und Romanistik und ist durch ein Stipendium nach London gekommen. Dort lebte sie 13 Jahre. Ihren Doktor machte sie 2008 über Filminstallationen in Galerien und lehrte an Londons Universitäten Experimentalfilmgeschichte, -theorie und zeitgenössische Kunst. 2013 ging Maxa nach Kairo, lernte dort ihren Mann kennen und bekam zwei Söhne, Zaki (7) und Bilal (5). In Kairo unterrichtete sie an der American University Cairo. Nach fünf Jahren in Ägypten verschlug es Maxa und ihre Familie 2018 nach Dortmund, besser gesagt ins Klinikviertel.

Interview: Beate Hassel

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