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Im Familien-Interview: Nicole – Mama und Hebamme

|   Familienzeit

Die Kinder von anderen auf die Welt holen – oder die eigenen aus der Kita und der Schule? Nicole ist Hebamme, verzichtet aber darauf, Geburten zu betreuen. Denn Schichtdienst und alleinerziehend verträgt sich nicht. Zum Glück kann sie Schwangeren und frischen Mamas auch anders helfen.

Du bist ausgebildete Krankenschwester und Hebamme. Wie kam das?
Nach der Schule wollte ich Hebamme werden. Damals war der Beruf noch beliebter – es war schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Daher habe ich erst mal eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Das hat mich schon ein bisschen auf den anderen Beruf vorbereitet, aber es ist ja doch ein Unterschied: Als Krankenpflegerin habe ich kranke Menschen betreut, als Hebamme betreue ich gesunde junge Frauen.

   

Nach einer Zeit in der Onkologie, in der Tumore behandelt werden, bist Du dann Hebamme geworden. Jetzt machst Du eine Weiterbildung zur “Familienhebamme”. Was ist das?
Familienhebammen begleiten sehr viel länger – von der Schwangerschaft bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Babys. Wir begleiten Familien, wenn die eigentliche Hebamme die Betreuung abgeschlossen hat und die Mütter noch mehr oder länger Unterstützung brauchen, zum Beispiel minderjährige Mütter.

   

Bist Du selbstständig oder angestellt? Und wie bekommst Du Deine Arbeit und das Familienleben mit Sohn und Tochter organisiert?
Ich bin beides: Angestellt als Babylotsin im Krankenhaus und freiberuflich in der Vorsorge, bei Geburtsvorbereitungskursen und der Wochenbettbetreuung. Das ist schon viel zu organisieren – gerade mit eigenen Kindern. Da Schichtdienst und Rufbereitschaft als alleinerziehende Mutter nicht gehen, begleite ich keine Geburten mehr. Besonders die Wochenenden wären sonst überhaupt nicht planbar, weil ich ja nie weiß, wann genau die Kinder auf die Welt kommen. 

   

Immer wieder machen Hebammen auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam. Weil der Job so unattraktiv ist, gibt es einen richtigen Mangel an Angeboten. In den Medien ist zu lesen, dass Frauen sich am besten direkt nach einem positiven Schwangerschaftstest um eine Hebamme kümmern sollten, wenn sie sich das Stillen nicht selbst anhand von YouTube-Videos beibringen möchten. Ist das überspitzt dargestellt?
Frauen melden sich wirklich so früh bei mir. Und ein großer Teil der Kolleginnen hat aufgehört, weil die Bedingungen einfach zu schwierig sind: Wie gesagt sind die Arbeitszeiten schwer planbar, die Vergütung ist nicht gut und zudem tragen wir extrem große Verantwortung, müssen eine sehr teure Haftpflicht-Versicherung abschließen. Ein Beispiel: Die Pauschale für einen Hausbesuch liegt bei etwa 38 Euro – da kommen dann aber noch Abzüge wie Steuern und so runter. Das spiegelt doch den Aufwand gar nicht wieder. Und derzeit bekomme ich zwar rund 80 Cent brutto Corona-Zuschlag, aber das reicht doch nie, um die Schutzausrüstung zu bezahlen. Da ist doch ganz klar, dass die Kolleginnen frustriert sind!

   

Du sprichst von “Kolleginnen”. Gibt es eigentlich männliche Hebammen?
Ja, ich glaube … sechs in Deutschland. In Herdecke gibt es eine männliche Hebamme. (lacht) Das muss ich so sagen, denn die heißen jetzt offiziell tatsächlich nicht mehr Geburtshelfer, sondern auch Hebammen.

   

Warum denkst Du, sind es nur so wenige?
Der Beruf ist ja ohnehin nicht so attraktiv und vielleicht gibt es die Sorge, als Mann von den Frauen nicht ernst genommen zu werden – oder dass sich die Frauen unwohl fühlen. Viele möchten vielleicht doch lieber von einer Frau betreut werden. Und zudem sollte bei einer Untersuchung durch einen Mann immer eine weitere Person anwesend sein. Das ist aufwendig.

   

Generell zur Rolle der Männer: Wie erlebst du die beim Thema Schwangerschaft und Geburt?
Mein Eindruck ist, dass sie teilweise mit Vorbehalten in meinen Kurs kommen: zu esoterisch, nicht praktisch genug. Das legt sich aber im Kurs. Männer haben generell meist ganz praktische Fragen: Wie kann ich meine Frau konkret unterstützen? Jetzt gerade gibt es natürlich viele coronabedingte Fragen – zum Beispiel, ob sie die Frau in den Kreißsaal begleiten dürfen. Das dürfen sie zwar. Aber wenn sie kein Familienzimmer haben, dann müssen sie nach der Geburt die Klinik verlassen. Und wenn dann keine Besuchszeit erlaubt ist – das ist von Klinik zu Klinik unterschiedlich –, dann gibt es ein Wiedersehen erst nach drei Tagen. Das ist schon schwer.

   

Du bist zwar jetzt nicht mehr bei Geburten dabei, aber wie viele waren das in Deiner Berufslaufbahn?
Ich habe das sechs Jahre gemacht – das waren vermutlich Hunderte Geburten. Teilweise hast Du als Klinikhebamme in einem Dienst drei Geburten und dann wieder in drei Diensten keine. Da habe ich nicht mitgezählt. 

   

Kannst Du Dich noch an die erste Geburt erinnern, die Du erlebt hast?
Das war als Praktikantin und ganz unkompliziert. Die Frau sagte anschließend nur: “Das war jetzt alles?! Also, so schlimm fand ich das nicht...” Und ich auch nicht. (lacht) Wir sind da beide mit einem guten Gefühl raus – sie als Mama und ich als Zuschauende.

   

Hast Du sonst noch eine Anekdote für uns?
Ich habe mal eine Frau betreut, die ihr elftes Kind bekommen hat. Und die sagte: “Jetzt fängt’s an, in den Fingern zu kribbeln – es geht los!” Die Frau war so erfahren, dass sie das wirklich wusste. Denn direkt im Anschluss gab es eine Blitzgeburt, ganz unproblematisch.

   

Das waren jetzt eher schöne Erfahrungen. Aber sicher läuft nicht immer alles glatt. Wie gehst Du dann damit um?
Sterben gehört zum Leben mit dazu. Zum Glück sind Todesfälle selten. Aber so gut die Geburtshilfe in Deutschland auch ist – das lässt sich nicht komplett verhindern. In so einer Situation kann ich mich aber nicht um mich kümmern, sondern muss die Eltern bzw. die Angehörigen unterstützen. Darauf werden wir natürlich auch in der Ausbildung vorbereitet und ich habe zusätzlich eine Fortbildung zum Thema gemacht. Ich betreue auch “stille Geburten”. Die heißen so, weil vorher klar ist, dass das Kind nicht schreien wird... Bei negativen Erlebnissen ist der Austausch mit den Kolleginnen wichtig.

   

Du bist auch Babylotsin in einer Dortmunder Klinik. Was machst du da genau?
Seit Januar 2021 haben alle Krankenhäuser in Dortmund so eine Lotsin. Ich besuche die Familien in der Schwangerschaft und meist nach der Geburt auf der Station. Dann schaue ich, wo ich sie unterstützen kann: bei der Suche nach einer Hebamme, einer anderen Hilfe oder einem Kurs oder auch bei Anträgen. Im Grunde vermittle ich an andere Angebote in Dortmund – deswegen auch die Bezeichnung als Lotsin. Und das ist auch nötig, denn Dortmund ist im Vergleich zu anderen Städten echt gut aufgestellt und hat viele Angebote. Da den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. Und daher übernehme dann ich diese Aufgabe.

   

In Deiner Ausbildung zur Hebamme bist Du selbst schwanger geworden. Weiß man dann alles besser? Hast Du Dich an alle Hinweise gehalten, die Du sonst anderen werdenden Müttern gibst?
In der Situation war ich einfach nur eine Schwangere und Mama – mit den gleichen Sorgen wie die anderen. Klar waren manche Sachen für mich leichter, denn den theoretischen Teil hatte ich da schon hinter mir. Aber wo sich die Ausbildung direkt ausgewirkt hat: Ich habe mich sehr früh um eine Hebamme gekümmert. (lacht) Und als Geburtsort habe ich mich für ein Geburtshaus entschieden, weil ich eine Eins-zu-eins-Betreuung wollte und Klinikhebammen meist drei bis vier Frauen gleichzeitig betreuen müssen. 

   

Du arbeitest mit Familien und hast selbst einen 9-jährigen Sohn und eine 6-jährige Tochter. Würdest Du sagen, dass Du Kinder magst?
Diese Frage kommt tatsächlich in jedem Bewerbungsgespräch vor. Aber als Fangfrage. Denn eine Hebamme muss nicht unbedingt Kinder mögen, sondern in erster Linie Frauen. Wer antwortet “Ich finde Babys süß”, sollte Kinderkrankenschwester oder Erzieherin werden.

   

Du hast schon angedeutet, dass sich der Beruf als Hebamme teilweise nur schwer mit der Familie vereinbaren lässt. Wie schaffst Du das?
Schichtdienst geht nur mit einem Partner, der das mitträgt. Sonst kann man das nicht leisten – vor allem wie gesagt die Wochenend-Dienste. Nach meiner Trennung musste ich mich also von diesem Teil meiner Arbeit verabschieden. Die Geburtshilfe fehlt mir schon, aber die Arbeitsbedingungen nicht. Teilweise stand ich allein im Kreißsaal und war bereits 26 Stunden wach. Da musste ich auf der Autofahrt nach Hause schon aufpassen, nicht in der Bushaltestelle zu landen. Mir geht es ohne Schichtdienst auf jeden Fall besser.

   

Aber auch ohne Schichtdienst ist es als Alleinerziehende ja nicht einfach, oder?
Mein Sohn ist in der Schule und meine Tochter in der Kita. In Corona bin ich als Hebamme in NRW systemrelevant und kann ja schlecht ins Home-Office, daher durften sie in die Notbetreuung. Normalerweise arbeite ich bis 14 Uhr in der Klinik und mache dann gegebenenfalls noch Hausbesuche. Das passt zeitlich dann. Kurse gebe ich nur an den Wochenenden, an denen sie beim Papa sind. Blöd für mich: Dadurch habe ich eigentlich nie frei. Und zudem mache ich auch noch eine Weiterbildung. Ohne den Vater meiner Kinder wäre das so nicht möglich. Das Erfolgsrezept lautet daher: klare Absprachen treffen, immer flexibel bleiben und gut organisieren.

   

Wie gut wissen Deine Kinder über Deinen Job Bescheid?
Ich denke, sie wissen schon ganz gut, was ich mache. Wenn wir unterwegs sind, werde ich häufig von Familien angesprochen, die ich betreut habe. Und dann fragen die Kinder natürlich, wer das war. Da ich viele Familien rund ums Kreuzviertel betreue, ist ein Besuch im Westpark immer mit Gesprächen verbunden. Und als mein Sohn neulich Sexualkundeunterricht hatte, fühlte er sich mit einer Hebamme als Mama wie ein Profi. Auch wenn sein Test am Ende dann was anderes sagte...

   

Hast Du einen ultimativen Tipp für alle werdenden Mütter?
In der Tat ist es so: Kümmert Euch früh um eine Hebamme! Und was mir noch aufgefallen ist: Wegen Corona gibt es nach der Geburt nur wenig oder keinen Besuch. Klar haben sich die Mütter das anders vorgestellt, viele sind aber viel entspannter dadurch, weil es sonst auch ganz schnell in Stress ausartet. Den Lockdown auch zukünftig mit ins Wochenbett zu nehmen – das fänd ich ganz gut.

   

Und hast Du einen Ausflugstipp für andere Familien? Was macht Ihr am liebsten?
Ich bin ja für den klassischen Waldspaziergang – natürlich inklusive des Genöles der Kinder vorher, obwohl sie es im Nachhinein dann doch schön finden. Wir sind gerne im Schwerter Wald, weil wir da Pilze sammeln. Und auf dem Rückweg holen wir Kuchen bei Herr Liebig. Meine Kinder nehmen immer Himbeer-Schmand! 

   

Traditionell fragen wir am Schluss nach einem Song...
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich keine Musik-Tipps geben sollte. Daher würde ich einen Podcast empfehlen: Die friedliche Geburt. Da gibt es ganz viele Tipps und Meditations-Anleitungen – eine sehr positive Einstimmung auf die Geburt.

 

     

Wer unsere Fragen beantwortet hat...
Nicole Freitag (39) ist in der Nähe der Kronen-Brauerei aufgewachsen, wohnt jetzt im Saarlandstraßenviertel und ist ständig auf der Suche nach Parkplätzen. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester ist sie Hebamme geworden, betreut aber aus Zeitgründen keine Geburten mehr und ist dafür Babylotsin – vermittelt also frischgebackene Familien an jeweils für sie wichtige Angebote. Als selbstständige Hebamme präsentiert sie sich auf www.nicole-freitag.de, auch wenn sie derzeit keine neuen Betreuungen annimmt. Und: Ja, sie mag Kinder...

Mehr Infos zur angespannten Lage der Hebammen findet ihr auf www.unsere-hebammen.de sowie zum Thema Babylotsin auf www.seeyou-hamburg.de/babylotse.

Interview: Simon Bückle

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